Samstag, 20. Januar 2018

« zurück

09. Januar 2018

Forschung | Dauerndes Sitzen ist wie Rauchen – ein Plädoyer für mehr Prävention

Forschung | Dauerndes Sitzen ist wie Rauchen – ein Plädoyer für mehr Prävention
Dr. Wolfgang Laube / Foto: privat

Autor: PD Dr. med. sc. (habil) Wolfgang Laube

Um Körperfunktionen zu entwickeln, zu verbessern und zu erhalten, ist Training unerlässlich. Degenerative Veränderungen bei Bewegungsmangel werden häufig erst spät erkannt. Um chronische Erkrankungen zu vermeiden, ist ein der Lebensphase angepasstes Bewegungsprogramm die beste Prävention.

Solange wir jung sind, uns stark, fit und gesund fühlen, erkennen wir die Gefahren eines bewegungsarmen Lebens nicht. Hätten wir stets vor Augen, dass hier das Fundament der chronischen Erkrankungen gelegt wird, würden wir vielleicht in vielem anders handeln. „Wenn wir das Bewusstsein entwickeln, dass Degenerationen einen sehr langen Entwicklungsweg haben, können wir auch Klienten besser von der Prävention überzeugen“, sagt Dr. Wolfgang Laube, Physiologe und Sportmediziner.

Ausgangssituation

Das tägliche Leben fordert schon in der Kindheit und in der weiteren Lebenszeit nur ungenügend körperliche Anstrengung. Der Mensch benötigt aber ein hohes Maß an körperlicher Anstrengung, um...

  • sich im Kindes- und Jugendalter gesund und leistungsfähig zu entwickeln
  • im jungen bis späten Erwachsenenalter Gesundheit, Schmerzfreiheit und Leistungsfähigkeit zu erhalten
  • mit 40, 50 und mehr Lebensjahren den Veränderungen des Alters eine lange Mobilität zu entgegnen. Sensomotorische Aktivität ist der Schlüssel eines selbstbestimmten und schmerzfreien Lebens.

Den Bewegungsmangel nehmen wir meist erst infolge chronisch degenerativer Erkrankung wahr. „Dauerndes Sitzen ist wie Rauchen“, sagt der Autor. Zum Vergleich: Auch der Raucherhusten lässt sich zunächst Zeit – die Teerablagerungen in der Lunge nehmen wir gar nicht wahr. Dauerhafter Bewegungsmangel führt langfristig über den Abfall der körperlichen Leistungs- und Erholungsfähigkeit zu chronisch degenerativen Erkrankungen, den diseasome of physical inactivity (Pedersen 2009) wie Bluthochdruck, Diabetes Typ II und Arthrosen (Frank 2003). Zurzeit sind ca. 9 % der Menschen Diabetiker (2010 Prävalenz: 9,9 %, Tamayo et al. 2016).

Koordinations-, Ausdauer- und Krafttraining

Eine Konservierung gesunder Körperstrukturen und Körperfunktionen gibt es nicht. Nur Training entwickelt, erhält, sichert oder verbessert sie.

Gutes Training...

  • spricht das Gehirn an, indem durch vielseitiges Bewegungs- oder Koordinationstraining seine Funktion als „Bewegungsmanager“ gestärkt wird.
  • fordert unsere Logistiksysteme: Das System Atmung, Herz-Kreislauf und Energie-Stoffwechsel benötigt Ausdauertraining. Es steht für die Produktionskapazität des für alle Körperleistungen erforderlichen „biologischen Geldes“, den ATP, in jeder Zelle oder Muskelfaser. ATP ist die Basis jeglicher Funktions- und Lebensfähigkeit. Zu empfehlen sind 3-4 Einheiten/Woche von wenigstens 30, optimal 45 und maximal 60 Minuten. Dieses Ausdauertraining lebt von der Vielfalt, weil alle Körperregionen profitieren sollen. Abwechselnd sind Fahrradfahren, Laufen, Rudern, Cross-Trainer, Handkurbelergometer und Schwimmen zu empfehlen.
  • kräftigt die Muskeln. Die Muskeln sind Kraftgeneratoren und nur hierbei auch Produzent „körpereigener Antischmerzmittel“ (Myokine, aktivieren das anti-nozizeptive Netzwerk im ganzen Körper und „neutralisieren“ das pro-nozizeptive Hormon TNF- des viszeralen Fettgewebes). Auch hier zählt Vielfalt: Von der Nutzung „nur“ des eigenen Körpergewichts über Geräte für alle Körperregionen bis zu Hanteln sind alle Trainingsformen zu empfehlen. Wichtig ist, dass der Anstrengungsgrad stimmt.

Bewegungsfreude bei Kindern fördern

Wenn Kinder und Jugendliche vorwiegend sitzen, entwickeln sie entweder kein umfängliches Bewegungsrepertoire oder es wird wieder abgebaut. 

Gute Präventionsangebote sichern daher die folgenden Ziele:

  • vielfältiges Bewegungsrepertoire für gute geistige Fitness
  • hohe Widerstandfähigkeit gegen Ermüdung und gute Erholungsfähigkeit
  • gute Kraftfähigkeiten auch für die Entwicklung des Binde- und Knochengewebes
  • Halten bzw. Erreichen eines normalen, „gelenkschonenden“ Körpergewichts

Das Erreichen dieser Ziele verhindert die frühe „Grundsteinlegung“ chronischer Krankheiten.

Dem Alltagstrott im mittleren Lebensabschnitt entgegenwirken

Viele Berufe fordern Sitzen oder nur monotone Haltungen und Bewegungsmuster. Krafteinsätze sind selten und die Logistiksysteme werden nicht gefordert. Dennoch sind wir abends „geschafft“ und benötigen Erholung, die durch eine geringe Ausdauer beeinträchtigt ist.

Eine aktive körperliche und mentale Erholung ist gefragt: Wandern, Klettern, aber auch Pilates und Yoga sind empfehlenswert und diese Aktivitäten sollten mit vielseitigem Ausdauer- und Krafttraining für alle Körperregionen verbunden werden.

Dem Sensenmann davonlaufen

Altern ist normal. Der Gebrechlichkeit kann nur durch Training verzögernd begegnet werden. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Mortalität und Gehgeschwindigkeit. Fällt diese unter 0,5 – 0,6 m/s, dann spricht dies für eine deutlich eingeschränkte Gesundheit und Funktion (Studenski et al. 2011), es wird also kritisch.

In allen Lebensphasen werden Körperfunktionen, die wir nicht, selten oder mit nur wenig Anstrengung abfordern, unbemerkt abgebaut. Im Alter ist dies fatal, denn die Reserven sind geringer. Kommen ein Sturz und eingeschränkte Mobilität hinzu, droht schnell Gebrechlichkeit.

Bewegungsangebote im Alter verbinden die Partizipationsziele auf der Struktur-, Funktions- und Aktivitätsebene. Die körperliche Aktivität mit vielen Dual-Tasking-Aufgaben soll Spaß machen. Aber auch der Bedarf des Körpers sollte ein Kriterium sein.

Gesundheitstraining lebt immer von der Vielseitigkeit. Man kann damit keine Wettkämpfe gewinnen, aber alle Körperregionen werden oder bleiben fit.

Physiotherapeuten sind eine qualifizierte Berufsgruppe, die mit hochwertigen Präventionsangeboten an ihre Patienten wirksam gegen das schleichende Entstehen chronischer Erkrankungen antreten kann. Tun Sie es!

Der Autor

PD Dr. med. sc. (habil) Wolfgang Laube ist Facharzt für Sportmedizin, Physiologie, Physikalische und rehabilitative Medizin – Medizinische Informatik, Manuelle Medizin. Seine Schwerpunkte sind Leistungs- und Funktionsdiagnostik, Beziehungen zwischen Fitness und der Entwicklung chronischer Erkrankungen, der biologischen Wirksamkeit aktiver Therapieprogramme und der Verknüpfung zwischen Bewegung und Schmerz beziehungsweise Inaktivität und Schmerz.

Literatur

  • Laube W (Hrsg.): Sensomotorisches System. Thieme, 2009
  • Laube W.: Leistungsphysiologie, Sensomotorik, Trainingslehre. in: Hüter-Becker, Dölken (Hrsg.) Biomechanik, Bewegungs- und Trainingslehre. Thieme, 1. Aufl. 2004, 2. Aufl. 2011


Login VPT Mitgliederbereich

VPT-Therapeutensuche

Aktuelle Mitgliederzeitung

VPT Mitgliederzeitschrift

Unsere Mitgliederzeitschrift

Weitere Informationen finden Sie auf www.vpt.de

Über 20.000 VPT-Mitglieder

VPT Landesgruppe

VPT Landesgruppe Thüringen
Kulmbacher Str. 27 | 07318 Saalfeld
Tel. 03 67 1 / 51 06 50 | Telefax 03 67 1 / 52 04 19
E-Mail: info@vpt-thueringen.de

Alle Landesgruppen im Überblick

Bildung zahlt sich aus

VPT Rechtstexte & Meldungsarchiv

Über 400 Literaturbesprechung und mehr als 700 Meldungen aus Recht und Praxis finden Sie in unserem Archiv auf www.vpt.de.

Finde uns auf Facebook